Vor wenigen Wochen schickte mir eine Freundin einen Link zu einem Podcast zu. Zwei Frauen unterhielten sich darin in philosophisch-psychologischen Ansätzen über Dinge wie Weiblichkeit und „Nein“-Sagen. Grundlage des Gesprächs waren einzelne Textstellen aus einem Buch – Untamed von Glennon Doyle. Die Ideen aus dem Podcast flossen ein in meine Gedanken und neben den geistreichen Ansätzen festigte sich auch der Entschluss, Holland in diesem Jahr erneut einen Besuch abzustatten. Keine Sorge, ich tauche nicht auf, um euch mit Inhalten aus einem hierfür irrelevanten Buch zu langweilen. Aber der Kontext ist für mich wichtig, brachte er mich doch auch dazu, ein paar alte Hobbys wieder aufleben zu lassen. Das Herz für Achterbahnen ist mir zwar nie verloren gegangen, jedoch hat in den letzten Jahren durchaus meine Geduld für Freizeitpark-Berichte und Foto-Touren gelitten. Da blieb es zumeist bei ein paar Smartphone-Schnappschüssen und einem knappen Posting auf reddit. Und so kommt es nun doch, dass ich mit platt gelaufenen Füßen vom Vortag vor Word sitze und ein paar Zeilen schreibe.
Walibi Holland ist für mich ein besonderer Park. Anfang der 2010er hatte ich gerade meinen Führerschein und war mit dem Abitur fertig. Meine Eltern borgten mir damals ihr Auto für eine waghalsige 3000km-Tour durch Deutschland, die Niederlande und den Osten Frankreichs. Walibi Holland war wohl mein erster Freizeitpark im Ausland. Es war das erste Mal, dass ein Park aus RollerCoaster Tycoon 2 auf einmal echt wurde. Und Walibi war der erste Park, der mir mit Goliath gezeigt hat, dass
Intamin auch
Airtime kann – ja, ich spreche von dir, Colossos.
Walibi war aber auch der Park, der anschließend bei mir sehr in Vergessenheit geraten ist. Der kitschig-bunte Park in den Niederlanden, der im geschmackvolleren Schatten von De Efteling und dem Toverland steht. Ein Park, dessen Zielgruppe sich wahrscheinlich für das Parkmaskottchen, einem Stinktier-Verschnitt von einer Rock-Ikone, geniert. Und dann wiederum war Walibi Holland der Park, der den ersten europäischen
RMC in Tagestour-Reichweite eröffnet hat und damit der Park, den ich im vergangenen Jahr gleich zwei Mal besucht habe. Aber zu Untamed gibt es später mehr.
Für uns hat es sich eingebürgert, dass die Autofahrt nach Biddinghuizen vor allem bedeutet, dass Achterbahn gefahren wird. Wer einen ausführlichen detaillierten Bericht sucht, ist
im Bericht von 2012 besser aufgehoben. Ich möchte hier lediglich auf drei Attraktionen eingehen: Goliath, Lost Gravity und Untamed.
Als ich Goliath zum allerersten Mal gefahren bin, war sie sofort meine damalige Lieblingsattraktion. Inzwischen sind Jahre vergangen, Attraktionen mit dutzenden Momenten von Ejector
Airtime werden jährlich eröffnet und sogar
B&M bewegt sich aus seiner Komfortzone und baut Wave Turns auf ihren Giga-Coastern. Und dennoch hält Goliath sich mit ihren 18 Jahren sehr gut. Die
Airtime auf dem ersten
Camelback muss sich auch im heutigen Vergleich keinesfalls verstecken, der
Stengel Dive ist auch im Jahr 2020 einfach weiterhin ein abgefahrenes Element und die bodennahe Steilkurve am Wendepunkt des Out-and-Back-Layouts ist weiterhin druckvoll, ohne den Kreislauf zu zerschießen. Noch dazu bin ich absoluter Fan des „bockigen“ Finales mit drei Camelbacks entlang der Stützkonstruktion des Lifthills und der abschließenden 180°-Kurve in die Schlussbremse. Goliath hat
Airtime, positive
g-Kräfte und fühlt sich trotz der beschaulichen Höhe einfach richtig flott an. Mir ist weiterhin schleierhaft, weshalb gerade im amerikanischen Raum so Viele über Expedition GeForce sprechen und Goliath kaum Erwähnung findet, fühlt sich das holländische Gesamtpaket doch für mich deutlich besser abgerundet und balanciert an. Aber auch der Park behandelt diese Bahn ein wenig stiefmütterlich: Die Bügel sind noch immer ein Testament an die alte Farbgebung der Attraktion, sodass die Gesamtgestaltung der Züge zusammengewürfelt aussieht. Das neue Stationsgebäude für die 2020-Saison ist ein ergreifender Witz und die Lage der Attraktion im Park wird dem Fahrterlebnis nicht gerecht. Goliath ist zwar wunderbar am See gelegen, jedoch auch derart vom Parkgeschehen abgeschottet, dass fast der Eindruck entsteht, der Park möchte die Bahn verstecken.
Yup, so geht Airtime!
Highlight kurz vor Schlussbremse
Lost Gravity ist hierfür ein krasses Gegenbeispiel. Diese Bahn funkelt im Hochglanz. Wenn die schrillen gelben Schienenelemente nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann tut es spätestens die gelegentliche Stichflamme. Die Bahn hat etwas Verlockendes, den Charme einer
Mack’schen Interpretation von El Loco oder eine neue Version der wilden Maus mit Inversionen. Dadurch ist die Bahn leider auch absolut auf seine Gimmicks angewiesen. Es gibt Momente auf Lost Gravity, die ich so auf anderen Achterbahnen nicht kenne und einmalig finde. Dennoch ist die Bahn für mich im Gesamtpaket einfach zu … „unterbrochen“ … Lost Gravity hat keinen guten Flow, das Pacing ist ein wenig durcheinander geraten und das ist mir heutzutage wichtiger als waghalsige Kräfte und verrückte Maneuver. Als Beispiel kann ich den
Camelback im ersten Block des Layouts nennen. Die Einfahrt dieses Elements ist bodennah, das Element endet jedoch auf der Hälfte seiner eigenen Höhe. Der Effekt ist, dass ich jedes Mal überrascht werde, wenn die Schiene in der zweiten Hälfte sich subjektiv viel zu früh wieder in die Waagrechte neigt. Zwar ist die
Airtime auf diesem Element erstklassig, aber es fühlt sich bei jeder Fahrt aufs Neue an, als würde sie einfach zu früh enden – so als wäre der
Camelback kaputt.
Die wirklichen Highlights und Punches packt die Bahn allesamt in die erste Hälfte. Der
First Drop fühlt sich an wie GeForce auf Stereoiden. Gerade auf dem rechten Außenplatz blickt man unerwartet senkrecht gegen den Boden, während man sich um die eigene Achse dreht. Davon bin auch ich schwer beeindruckt. Der anschließende
Speedbump ist ein weiterer Höhepunkt mit unerwartet intensiven Kräften. Nach der
Blockbremse verliert sich die Bahn jedoch ein wenig. Zur Freude aller Hangtime-Liebhaber bummeln die Chaisen regelrecht durch die Inversionen, jedoch trödelt die Bahn meines Erachtens auch ein wenig zu sehr durch alle anschließenden Kurven und Bunny Hops. Die Bahn ist frech und witzig, passt definitiv auch gut ins Portfolio des Freizeitparks und war sicherlich auch ihr Geld wert. Sie trifft dabei allerdings nicht so ganz meinen Geschmack.
Upsie…
”Roland, wir brauchen mehr First Drop.“
Der Top-Hat-Verschnitt wackelt freudig, wenn ein Zug passiert
75%-Camelback
Hangtime-Orgie, Teil 1
Tiger-Enten-Achterbahn
Zufälliger Perspektiven-Fund
Wiederum krasses Gegenbeispiel (recycelte Überleitung) ist hierfür Untamed. Ich möchte ein bisschen Referenz mitgeben: Untamed ist mein einziger
RMC und ich habe im vergangenen Jahr auch häufiger von meiner Lieblingsachterbahn gesprochen. Vergleichbarer Beliebtheit erfreut sich bei mir vielleicht noch Tatsu, aber das ist ein Pferd aus einem ganz anderen Stall. Dennoch erachte ich auch einige Dinge bei Untamed als problematisch und das sind vor allem die Bügel. Im Sommer 2019 habe ich 12 Fahrten an einem Tag durchgeboxt, davon alle in der letzten oder ersten Reihe. Die blauen Oberschenkel blieben mir noch gut eine halbe Woche erhalten. Nach ungefähr einer Handvoll Fahrten beginnen die Schmerzen, nach zehn möchte man in der abschließenden Barrel Roll eigentlich nur noch weinen und nach einem Dutzend ist der Spaß definitiv zuende. Je nach Körperproportionen vergeht einigen schon nach zwei Runden die Freude. Naja…
Schilke ist ungefähr der netteste Kerl auf YouTube. Aber er ist nunmal auch ein
Irrer. Die letzte der beiden Eigenschaften zeigt sich in den „sudden pops of
airtime,“ die Untamed in seinem Finale inmitten des Stützgebälks hinlegt. Der Double-Up-Double-Down-Verschnitt ist ohne jede Frage noch sehr geschmackvoll. Doch alles danach verliert nach der zweiten Fahrt an Reiz. Es ist ein absolut ungebändigter Ritt ohne jeden Sinn und Verstand – ja, mir macht das auch Spaß. Aber solange es keinen bequemen Weg durch die Bunny Hops gibt, bin ich da nach ein paar Fahrten einfach raus. Und Untamed gehört ja noch nicht einmal zu den Extremen: Inzwischen muss ich mir nur POVs von Wicked Cyclone oder Steel Vengeance angucken (beide noch nicht gefahren!) und meine Oberschenkel bekommen Flashbacks aus Angst, was ich noch mit ihnen vorhabe.
Genug Gemecker. Untamed ist für mich das, was Lost Gravity nicht kann: einzigartig und flüssig. Ich bin mit jeder Fahrt aufs Neue einfach begeistert, wie unglaublich weich sich eine Achterbahn heutzutage fahren kann und das obwohl sie so verdammt erbarmungslos fährt. Der
First Drop legt für seine Höhe einen unglaublichen
Airtime-Moment hin und ich bekomme einfach das Gefühl, dass die Schiene nicht aufhört, sich nach unten zu biegen. Der anschließende Speed Bump hat beinhe eine mikroskopische Wölbung; die reicht aber allemale aus, um die Insassen schwerelos werden zu lassen. (Ohnehin bin ich seit Shambhala der Meinung, dass jede Achterbahn einen Speed Bump verdient.) Das folgende Element packt zwei Inversionen in einen Hügel. Was sich nach einem totalen Gimmick anhört, ist im Fahrverhalten einfach gottesgleich. Kaum dass der Zug 90° zur Seite geneigt ist, verlassen alle Insassen die Sitzfläche, rollen sich auf den Kopf und dann weitere 90° weiter; anschließend wird das Programm wieder rückabgewickelt. Das Ganze fühlt sich ein wenig an, als würde man ein Kabel von Hand aufwickeln und kurz vor dem Ende merken, dass man es zu eng gewickelt hat, und man deswegen nochmal von Vorn anfangen muss. Das gesamte Element wird durchfahren, ohne je ein weiteres Mal Kontakt mit dem Zug aufzunehmen. Entscheidend ist dabei vermutlich die sanfte Kurve, die während des Wave-Turns-Double-Zero-
G-Verschnitts durchfahren wird. Kräftemäßig ist dies ein wahres Wunderwerk des Ingenieurteams bei Rocky Mountain, das sich bei jeder Fahrt zu 100% perfekt kalkuliert anfühlt. Leider wendet sich der Zug während des Stalls vom Park und somit auch vom Publikum ab – aber ja, einen Tod muss man halt sterben.
Nächstes Highlight sind zweifelsohne die großen Camelbacks, die jeweils lang anhaltende Ejector
Airtime bieten wie ich es sonst von kaum einer anderen Bahn kenne. Die Elemente greifen dabei natürlich ineinander über. Es fühlt sich einfach unglaublich organisch an, daraufhin in eine Zero-
G-Rolle zu fahren - stimmig, rund. Und das empfinde ich fast als eine kleine Kunst: Untamed schafft es, wirklich viele Gimmicks (140°-Stall als
Inversion…?) in das Layout einzuweben und dennoch dabei ein gutes Gespür für Pacing und geschmackvolle Abfolgen der Fahrfiguren zu haben. Die
Airtime ist natürlich haarsträubend, die Near Misses im letzten Schienenabschnitt beängstigend. Und obendrein gibt es noch ein paar feindselige seitliche
g-Kräfte, vor allem vor Beginn der Bunny-Hop-Orgie. Und wir alle wissen, dass die Bahn mit einem Highlight endet, zu dessen Ende man unerwartet abermals aus dem Sitz gerissen wird.
Yup, ich bin ein Fan. Für eine Bahn, die nicht einmal auf die Idee kommt, irgendwelche dämlichen Rekorde aufzustellen und mit den gegebenen Umständen eine derart feine Fahrt zaubert, habe ich einfach nichts als Respekt übrig.
“Schatz, ich hab vergessen, wo ich das Auto geparkt habe.“
Ungezähmt
Erstaunlich steil für ein-paar-und-dreißig Meter
Wheeee!
Ich möchte eure Hände oben sehen!
Ab hier wird es wild
Schilke-Madness
No-Ride Nummer 1
No-Ride Nummer 2
Aber immerhin die Bügel taugen etwas
Bei 35°C durchaus willkommen
Oder alternativ die nicht ganz so übertriebene Variante
Mehr Airtime als Colossos …
So, der Bericht ist zuende. Es sei denn … ich möchte noch einen kleinen Absatz meiner subjektiven „Corona-Sicherheit“ in Walibi Holland widmen, zumindest für alle Interessierten. Es war mein erster Freizeitparkbesuch im Jahr 2020, dem auch viel Abwägung vorausgegangen war. Ich habe offen gesagt von einem Vergnügungsunternehmen, das fraglich davon abhängt, dass es keinen zweiten Shutdown gibt, mehr Engagement und Gewissenhaftigkeit erwartet. Dass in Holland niemand einen Mund-Nasen-Schutz trägt dürfte bekannt sein; das weiß man auch, wenn man dort rüber fährt. Die einzigen Masken, welche ich im Park gesehen habe, waren unsere eigenen und die im Souvenirshop – für wen auch immer die dort angeboten werden. Was mir wiederum nicht bewusst war, ist die Tatsache, dass 1,5m in Holland deutlich kürzer sind als hierzulande. In anderen Worten gab es genau so häufig Gruppen, welche sich mitten in Wege stellen, es gab genau so viele Drängler und Nackenatmer wie im Vorjahr auch schon und allgemein war das Bewusstsein und die Rücksichtnahme unter den Besuchern ungefähr auf Thorpe-Niveau.
Die Maßnahmen von Parkseite aus sind okay, mehr nicht, auf deren Umsetzung wird jedoch nicht geachtet. Grobe Fehltritte erwartet man vor allen in den Wartebereichen von Lost Gravity und XPress: Platform 13, in denen man sich tatsächlich die Containerluft mit mehr oder weniger Nahestehenden (!) teilt. Gut gelöst hingegen waren die digitalen Wartebereiche. Jedoch sind die auch nicht mehr als „gut gemeint,“ wenn sich die Besucher mit ihren Smartphones beim Eingang der Attraktionen türmen, während sie darauf warten, dass endlich der magische QR-Code erscheint. Frustrierend war für uns in diesem Zusammenhang auch der Kauf eines Fast Passes für 60€. Die separaten Fast-Pass-Zugänge sind allesamt geschlossen, sodass man dennoch 10-20 Minuten im Wartebereich einer Attraktion verbringt. Dort kann man zwar schon die nächste Fahrt buchen und erhält auch sofort einen Zugangscode (für andere Besucher lagen die digitalen Wartezeiten bei 60-90 Minuten), das ist jedoch ziemlich witzlos, da man ja weiterhin im Wartebereich stehen muss. Zudem ist die erschwinglichere und meines Erachtens einzig sinnvolle Bronze- oder Silber-Version des Fast Passes in dieser Saison nicht erwerbbar, sodass man zwar für den Gold-Pass viel Wartezeitersparnis erhält, diese aber effektiv eben nicht nutzen kann. Gegen die Vereinfachung der Wartebereiche durch die Abschaffung des separaten Zugangs habe ich prinzipiell keinen Einwand, jedoch sind 60€ für das Produkt, welches man mit dem Fast Pass erhält, einfach überteuert.
Wir waren uns um 17:30 bei unserer Abfahrt jedenfalls einig, dass wir dieses Jahr allenfalls nochmal in einen kleinen deutschen Park reisen werden. Die Niederlande sind für uns leider erst einmal raus. Umso besser, dass im Jahr 2021 die große Neuheit im belgischen Schwesterpark eröffnet, wo die Umsetzung der Maßnahmen ein wenig zuverlässiger und sinnhafter erscheint.
Die Game Street 2020